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 Verein zur Förderung des Kunsthistorischen Instituts in Florenz (Max-Planck-Institut) e.V.
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  Das Kunsthistorische Institut in Florenz - Max-Planck-Institut
 
 
 
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Der Jacob-Burckhardt-Preis
Die Preisverleihung 2004
Am 16. November 2004 wurde zum ersten Mal der Jacob Burckhardt-Preis verliehen. Ausgezeichnet wurde der slowenische Kunsthistoriker Dr. Stanko Kokole, dem symbolisch ein Scheck über eine großzügige Summe, gespendet von dem Ehrenmitglied des Vereins zur Förderung des Kunsthistorischen Institutes in Florenz e.V., Rolf Becker, überreicht wurde. Der Festakt fand im Konferenzsaal des Institutes statt und wurde mit einer Laudatio des Direktors, Prof. Dr. Gerhard Wolf, eröffnet. Im Anschluß referierte Stanko Kokole über das Thema „La fortuna critica di un’insigne statua antica: appropriazioni, interpretazioni e valutazioni dell’efebo di Magdalensberg nella prima età moderna“. Abgerundet wurde der Abend durch die Darbietung des Violinisten Marco Rogliano, der Johann Sebastian Bachs Ciaccona aus der Partita Nr. 2 in d-moll (BWV 1004) sowie sechs der 24 Capricci (op. 1) von Niccolò Paganini spielte. Abschließend bot sich bei einem kleinen Umtrunk die Gelegenheit, mit dem Preisträger ins Gespräch zu kommen und mehr über seine wissenschaftliche Arbeit zu erfahren.
Dr. Stanko Kokole – Zur Person des Preisträgers
1962 in Ljubljana (Slowenien) geboren, begann Stanko Kokole sein Studium der Kunstgeschichte und der Klassischen Philologie an der dortigen Universität. Nachdem er 1986 für seine herausragenden Leistungen den France-Prešeren-Preis der Universität Ljubljana erhalten hatte, schloß er mit einer Untersuchung über „Das stilistische Profil des Bildhauers Giorgio da Sebenico“ 1988 sein Studium ab. Von 1989 bis 1998 hielt sich Stanko Kokole am Departement of the History of Art der Johns Hopkins University in Baltimore (USA) auf, wo er 1991 den Adolf Katzenellenbogen Memorial Prize empfing. 1992 wurde ihm von der Johns Hopkins University der Master und 1998 die Doktorwürde für seine, von Charles Dempsey betreute Dissertation „Agostino di Duccio in the Tempio Malatestiano 1449-1457: Challenges of Poetic Invention and Fantasies of Personal Style“ verliehen. Ab dem Jahr 1992 wurden Stanko Kokoles Forschungen durch zahlreiche Stipendien renommierter Institutionen gefördert, darunter das Charles S. Singleton Center for Italian Studies, Villa Spelman (Frühjahr 1992), die Samuel H. Kress Foundation (1992-94 am KHI in Florenz, sowie 1994/95), das Havard University Center for Italian Renaissance Studies, Villa I Tatti (1999/2000) sowie die Alexander von Humboldt-Stiftung (2000/2001). Im Frühjahr 2003 war Stanko Kokole Podhorsky Guest Scholar am Center for Advanced Study in the Visual Arts, National Gallery of Art in Washington, D.C. Seit 2003 forscht und lehrt er als Assistenz-Professor für mittelalterliche und frühneuzeitliche Kunstgeschichte an der neu gegründeten Universität des slowenischen Küstenlandes (Univerza na Primorskem) in Koper/Capodistria (Slowenien). Im Zentrum seiner Forschungen stehen Fragestellungen zur italienischen und mitteleuropäischen Kunst vom Mittelalter bis zur Neuzeit, deren Ergebnisse er in Monographien sowie Aufsätzen, unter anderem in so renommierten Zeitschriften wie dem Renaissance Quarterly, dem Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte und den Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz, veröffentlichte.
Der Jacob Burckhardt-Preis ermöglicht es Stanko Kokole, seine Studien zur Antikenrezeption in den Küstenregionen der Adria und des alpinen Hinterlandes zwischen 1400 und 1700 fortzusetzen.
Kontakt: stanko.kokole@zrs-kp.si
Zusammenfassung des von Stanko Kokole gehaltenen Festvortrages
„La fortuna critica di un’insigne statua antica: appropriazioni, interpretazioni e valutazioni dell’efebo di Magdalensberg nella prima età moderna“ Im Zentrum der – nach Aussagen des Autors – weniger kunsthistorischen als kulturhistorischen Untersuchung, die sich ausschließlich auf die Jahre 1502 bis 1534 konzentrierte, stand der sogenannte Jüngling vom Magdalensberg, eine römisch-antike Bronzefigur aus spätrepublikanischer Zeit. 1502 auf dem Gebiet der Hauptstadt des antiken Regnum Noricum, nahe des heutigen St. Veit in Kärnten (Österreich) entdeckt, wurde sie erst 32 Jahre später, im schon damals berühmten und weit verbreiteten Kompendium Inscriptiones sacrosanctae vetustatis von Petrus Apianus und Bartholomäus Amantius, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Nach 1551 erwarb der zukünftige Kaiser Ferdinand I. die antike Statue und schenkte sie wahrscheinlich seinem älteren Bruder Karl V. oder seinem Neffen Philipp II. Unter mysteriösen Umständen verschwand der Jüngling vom Magdalensberg Anfang des 19. Jahrhunderts. Glücklicherweise existiert eine Bronzekopie, die sich heute in der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien befindet. In der Illustration der Inscriptiones sacrosanctae vetustatis wird der Jüngling mit zwei ergänzten Attributen gezeigt: einer Streitaxt (die bereits im 18. Jahrhundert als Zutat des 16. Jahrhunderts entlarvt wurde) und einem runden scheibenförmigen Gegenstand, der als antik gilt. Mit der Interpretation der Inschrift, die sich auf diesem Gegenstand befindet, setzt die bewegte Geschichte der Statue ein, die im Vortrag anhand zweier Textquellen – einem Brief des Pietro Bonomo und einer, von Stanko Kokole dem Inschriftensammler Augustinus Prygl Tyfernus zugeschriebenen Notiz – dargestellt wurde.
Am 10. Juni 1502 sandte Pietro Bonomo, Sproß einer vornehmen, den Habsburgern ergebenen Familie aus Triest und eben zum Bischof seiner Heimatstadt ernannt, einen Brief an Maximilian I. In diesem berichtete er von der kurz zuvor gemachten Entdeckung einer vergoldeten Bronzestatue, die zusammen mit einem kleinen Schild gefunden worden sei, auf dessen Rand er folgende Inschrift zu entziffern vermocht habe: „M. GALLICINVS VINDILI. E. L. BARB. LL. PHILOTAERVS PR. CRAXANVS BARBI. P. S.“ Bonomo löste die Inschrift folgendermaßen auf: „M[arcus] GALLICINVS VINDILI[cus] E[t] L[ucius] BARB[ius] LL. [legati] PHILOTAERVS PR[aeses] CRAXSANVS BARBI[o] P[oni] S[tatuerunt] (oder alternativ: P[o]S[uerunt]).“ Daraus ergab sich für Bonomo die Interpretation, die Legaten Marcus Gallicinus Vindilicus und Lucius Barbius sowie der Präfekt der Provinz Noricum, Philotaerus Craxanius, hätten die Statue zu Ehren des Barbius schaffen lassen. Diese Deutung wird hinfällig, liest man die Inschrift richtig und löst sie korrekt auf: M[arcus] GALLICINVS VINDILI F[ilius] L[ucius] BARB[ius] L[ucii] L[ibertus] PHILOTAERVS PR[ocurator] CRAXSANTVS BARB[i] P[ublii] S[ervus]. Dementsprechend handelte es sich bei den drei Personen, die in der Inschrift erwähnt werden, nicht um bedeutende römische Beamten, sondern um Personen weniger gehobenen sozialen Ranges: einen gewissen Marcus Gallicinus, einen romanisierten Provinzbewohner keltischen Ursprungs und Sohn des Vindilius, ferner einen Freigelassenen der römischen Familie der Barbii mit Namen Philotaerus (vielleicht der Handelsvertreter der Barbii in der Provinzhauptstadt) und Craxsantus, den Sklaven des Publius Barbius. Diese drei scheinen die Statuette zu Ehren einer Gottheit, die in einem Tempel auf dem Magdalensberg verehrt wurde, gestiftet zu haben.
Es erstaunt, dass ein Mann wie Bonomo, der während seines Studiums in Bologna sowie seiner langjährigen Tätigkeit als Botschafter Maximilians I. am Hof der Sforza in Mailand eine solide humanistische Bildung erworben hatte, über enge Kontakte zu den bedeutendsten Humanisten jenseits der Alpen verfügte und der von Konrad Peutinger 1506 als „bonarum literarum studiosissimu[s]“ gerühmt wurde, die Abkürzungen „L.L.“ und „P.R.“ falsch auflöste. Es wäre daher nicht auszuschließen, dass er zwar wusste, wie man die Abbreviationen korrekt zu lesen hatte, jedoch für ihn die Stiftung eines derartigen Kunstwerkes nicht mit den Namen von gemeinen Händlern – schon gar nicht mit dem eines freigelassenen Sklaven – vereinbar waren. Einem Humanisten des frühen 16. Jahrhunderts erschien es folglich logisch, dass jener Barbius von edler Abstammung sein mußte. Kurios ist, dass Bonomo in seinem Brief nicht darauf insistiert, Barbius sei ein stadtrömischer Patrizier gewesen, sondern im Gegenteil: Er spricht sich mit Nachdruck dafür aus, jener stamme aus der Provinz. Ein Grund für diese Behauptung besteht offenkundig darin, dass der Brief an Maximilian I. ging, den zukünftigen Kaiser und Erbherren des Herzogtums Kärnten. Und tatsächlich verändert sich Bonomos Tonfall in den nachfolgenden Zeilen von einem sachlich-gelehrten zu einem untertänigen. Er bemüht sich, seinem Herrn Komplimente zu machen und stellt den romanisierten Kelten der Antike die Kärntner des frühen 16. Jahrhunderts gegenüber. Außerdem verleiht er seinem Wunsch Ausdruck, letztere mögen aus ihrer Trägheit erwachen und ihre Virtus wiederfinden. Die seitens des tapferen Barbius für das Römische Imperium geleisteten Dienste sind als Modell zu verstehen, an dem sich die Kärntner in Bezug auf Maximilian, den zukünftigen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, gemäß Bonomo, orientieren sollten. Die frühe, hier nachgezeichnete fortuna critica des Jüngling vom Magdalensberg veranschaulicht demzufolge, wie eine kaum wiederentdeckte antike Statue als Propagandamittel und als Argument zur Wiedererlangung der „prisca virtus“ diente. Ein weiterer, überaus interessanter Aspekt findet sich in dem Brief Bonomos: Der Verfasser bemerkt, dass seine Schlussfolgerungen nicht nur auf der Lektüre antiker Autoren beruhten, sondern dass sich wichtige Beobachtungen an den Resten antiker Monumente der Provinz selbst machen ließen. Als Beweis seiner These, Barbius entstamme einer edlen Familie, verweist der Humanist sonach auf Inschriften, die den Namen Barbius enthalten und die man in Triest, im Schloß zu Graz, in Celeia/Celje, auf Grabdenkmälern etc. gefunden habe. Bonomo schreibt zwar, dass er diese kurz zuvor gesehen habe; allerdings ist bei dieser Redewendung nicht klar ersichtlich, ob er sich dabei auf Inschriften in situ oder in einem Epigraphik-Kompendium bezieht.
Als wahrscheinlichste Quelle für Bonomo ist die bedeutende, leider nur in fragmentarischen Abschriften erhaltene Inschriften-Sammlung des Augustinus Prygl Tyfernus anzusehen. Tyfernus, Antiquar und Architekt, gehörte dem Kreis humanistischer Gelehrter um den Ljubljaner Bischof Christophorus Raubar an, wo er als erster Sammler antiker Inschriften im slowenischen und weiteren österreichischen Raum eine zentrale Stellung einnahm. In Bezug auf den Jüngling vom Magdalensberg ist es zudem mehr als wahrscheinlich, dass Tyfernus der erste Sachverständige war, der die Statue und den Schild mit der Inschrift mit eigenen Augen sah. Auffällig an den Ausführungen über den Jüngling vom Magdalensberg aus der Feder der Humanisten Bonomo und Tyfernus ist, dass sie sich zwar mit Fragen bezüglich der Inschrift und der Ikonographie befassten, sich jedoch an keiner Stelle expressis verbis über die offensichtliche hervorragende Qualität der Statue äußerten. Erst ab dem dritten Viertel des 16. Jahrhunderts lassen sich überhaupt Bemerkungen dieser Art finden. Die hier knapp skizzierte fortuna critica des Jüngling vom Magdalensberg zwischen 1502 und 1534 kann somit als ein Beispiel für Erwin Panofskys Beobachtung bezüglich der Rezeption der Antike zu Zeiten der Renaissance nördlich der Alpen angesehen werden: „[...] das Rinascimento dell’Antichità ist im Norden zunächst eine rein literarische und antiquarische Angelegenheit. Die Künstler bleiben völlig im Abseits und die Gelehrten, die die eigentlichen Träger der Bewegung sind, sind nicht nur außerstande, die erhaltenen Denkmäler ästhetisch zu bejahen, sondern auch, sie überhaupt ästhetisch zu betrachten.“[*] [*] Erwin Panofsky: Dürers Stellung zur Antike, in: Wiener Jahrbuch zur Kunstgeschichte 1 (1921/22) 43-92; neu hrsg. von Karen Michels u. Martin Warnke, in: Deutschsprachige Aufsätze I (Studien aus dem Warburg-Haus 1), Berlin 1998, 283
 
 
Copy of the Youth of Magdalensberg,
Vienna, Kunsthistorisches Museum
Inscriptiones sacrosanctae vetustatis
Augustinus Prygl Tyfernus: epigraphic compendium
 
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